Alle Jahre wieder …

Am christlichen Feiertag “Weihnachten” kulminiert wie jedes Jahr die gesamte Heuchelei, das gebündelte Elend und die abstruse Fixation auf das Privateigentum (samt bürgerlicher-heteronormativer Kleinfamilie) des mitteleuropäischen Biedermeiers in einem jenseiteigen Höhepunkt. Währenddessen: Drei Stunden vom Wiener Weihnachtswunderland brennt das Refugee-Camp in Lipa ab, das vorher rund 1.500 Menschen im tiefsten Winter beherbergt hatte; Menschen werden von der EU aktiv ins offene Meer in den Tod getrieben; die ärmsten Schichten und Klassenstrukturen leiden am meisten unter der Covid-19-Krise; Klima und Umwelt gehen sprichwörtlich unter dem kapitalistischen Druck in Flammen auf. Aber die vermögenden Klassen der westlichen Industriestaaten lassen sich nicht beirren.
Die Widersprüche des Kapitalismus, die dessen grundlegendes Wesen darstellen und in der fundamentalen Krisenhaftigkeit eine ihrer Erscheinungen findet, sind mittlerweile eigentlich so himmelschreiend, dass nur mehr die Verzweiflung über eine nicht eintretende Revolution bleibt. Nie tritt das menschenverachtende Wesen des patriarchalen Kapitalismus so offen zutage (wie jetzt in der Covid-19-Pandemie), als wenn er seine eigenen Produktionsverhältnisse verteidigen muss, um zu bestehen. Dabei ist der Staat samt seinen Apparaten, bürokratischen Instanzen und der Staatsmacht seit seiner Entstehung als Fixierung einer unveränderten Form der Wertbildung in der geschichtlichen Abwärtsspirale im Unheil patriarchalen Kapitalismus inbegriffen. Der Staat (ebenso die patriarchal-kapitalistisch organisierte Demokratie als Form dessen) ist lediglich Rettungssschirm, Schutzmechanismus und unabdingliche Kondition eines Systems, das gnadenlos vernichtet, was es vernichten muss, um weiterzuleben.
Doch dieses grundlegende Elend sowie die mittlerweile offenkundige Einsicht, dass Krisen auf den Rücken der ohnehin schon strukturell benachteiligten und/oder diskrimierten Menschen asugetragen wird, bleibt aus. Im Gegenteil – gerade zu Weihnachten zeigt sich, in welcher elitären, abscheulichen Traumwelt wir leben: bestochen von staatlich-religiösen “Feiertagen” zugunsten einer patriarchal-rassistisch-LGBTIQ*-feindlichen Religion, vollgepumpt vom Konsumrausch, um die fehlende, wirkliche Zwischenmenschlichkeit zu kompensieren, betrogen von einem völlig abstrusen Lebensstandard, der nur auf Kosten von rabiat augebeuteter Arbeitskraft zu erhalten ist.
Der Sturm auf die Bastille und den Winterpalast sind längst überfällig – nur werden es dieses Mal die Parlamente, Industriellenvereinigungen und EU-Strukturen sein, gegen die sich die globale Revolution richten wird. Es kann kein richtiges Leben im falschen geben – das Weihnachtsfest als negatives Symbol dessen kann als wegweisendes Moment im Kampf gegen die Ungerechtigkeit und Gewalt dieser Welt gesehen werden.