Antifa Wien-West – Selbstverständnis

Seit bereits mehr als 100 Jahren kämpfen Antifaschist*innen. Begonnen hat es mit Kampf gegen den drohenden NS-Faschismus und der Zuspitzung des Kapitalismus, was nach dem Sieg über den NS folgte, war die radikale Ausweitung des Kampfes, der zum Kampf gegen die Gesellschaft und deren Stützen und Bedingungen selbst wurde. Ihr Kampf richtet sich seit dem gegen all jene gesellschaftlichen Formen und Konstrukte, die Unterdrückung, Schmerz, Gewalt und Trauer hervorbringen, um sie zum Prinzip des Lebens selbst zu machen.

Das Kernmoment dieser gesellschaftlichen Strukturen stellt in unserer Analyse einerseits die historische und logische Entfaltung des Kapitals zu seinem allgemeinen Begriff in Form des kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaftverhältnisses dar, dessen entfaltete Waren-Zirkulation die Grundbedingung kapitalistischer Repression ist, die auf den zu juristischen Vetragspersönlichkeiten geformten Individuen entladen werden – andererseits die dem Kapital geschichtlich vorrangige Sphäre der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, die durch cis-männlich-bürgerliche Sozialisation zu größten Teilen auf FLINT*-Personen abgetragen wird und so immer schon eine Wertabspaltung qualitativ in sich trägt, die reproduktiv-emotive Arbeit entweder überhaupt nicht in die Sphäre der Vergesellschaftung aufnimmt oder nur zu deutlich schlechteren Konditionen. Die im ökonomischen Gegenzug historisch persistente patriarchale Dividende, die in jeder Unternehmung und Verwertung als sexistischer Merwert enthalten ist, schließt den Zirkel doppelter Ausbeutung von FLINT*-Personen. Die dem Kapitalismus eigentümliche Logik, Wesen und Erscheinung zu verkehren, entlädt sich in der Verfestigung dieser ausbeuterischen Gesellschaftshierarchien, die naturhaft gewachsen scheinen, deren immanente Logik jedoch keinesfalls eine geschichtliche Notwendigkeit darstellt.

Die Erscheinungen, die sich als objektive Sachzwänge verbergen, tragen ihr Wesen jedoch immer in sich – „das Wesen muss erscheinen“, ansonsten kann es nicht Wesen sein. So verhält es sich denn auch mit Diskriminierungs- und Repressionsstrukturen: Sie sind Produkte patriarchal-bürgerlicher Logik, die sich im Mantel des objektiv Notwendigen als Zwang der Geschichte tarnen – sie liegen jedoch im Prozess der Geschichte und den Produktionsverhältnissen selbst begraben und sind somit klar veränderbar. Kapitalismus ist ohne virulenten Sexismus, Rassismus und Antisemitismus überhaupt nicht denkbar, das Funktionieren der Wertschöpfungsmechanismen hängt direkt vom ungehinderten Funktionieren der unterschiedlichen Diskriminierungsformen ab.

Was also heißt für uns Antifa? Nicht mehr und nicht weniger als Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse: gegen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Faschismus überall, wo diese erscheinen. Wo das bürgerlich-cis-männliche Denken die individualistische Freiheit des “liberalen” Kapitalismus feiert und besingt, erkennen wir die höchste Form von Unfreiheit und Beschränkung. Je lauter das Kapital als verdinglichende Ordnung des Lebens die Freiheit marktschreierisch anpreist, desto extremer verdichten sich die Charaktermasken zu reinen Abstraktionen, die genau so frei von Leben ihr Dasein fristen wie ihnen vom Kapital hektisch-betriebsame Lebendigkeit zugeschrieben wird. Antifa heißt für uns, für die unbedingte Freiheit aller* zu kämpfen, für die wirkliche Freiheit unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung und Gesundheitszustand. Erst wenn die Zerschlagung von Patriarchat und Kapitalismus vollführt ist, die Fetische und Mystizismen der alten Gesellschaftsordnung fallen, wird der Sandstrand unter dem Pflaster erscheinen.

Zwar ist uns bewusst, dass der Kampf um den Sturz von Patriarchat und Kapitalismus oft und vor allem momentan in weite Ferne gerückt und das revolutionäre Subjekt tief sedimentiert scheint, ja nicht einmal klar ist, wie und wo es sich schaffen soll: Dennoch sind wir überzeugt, dass der antifaschistische Kampf gerade deshalb von eminenter Wichtigkeit ist.

Die Logik der Entfaltung der Gesellschaft unter dem dunklen Horizont struktureller Gewalt militant umzuwerfen, ihr bis zu den scheinbar so fernen Produktionsverhältnissen zu folgen und  kapitalistischem Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung den Garaus zu bereiten, ist unser entferntes Ziel. Denn für uns ist klar, dass erst auf den Ruinen von Kapitalismus und Patriarchat kommunistisches, solidarisches Leben ohne jede Diskriminierung wachsen kann. Dabei finden wir es essentiell, uns selbst in unserer Praxis kritisch zu reflektieren: Subjekt sein im Kapitalismus heißt, notwendigerweise ebenso Objekt dieser Ordnung zu sein. Wir können uns nicht aus der Gleichung nehmen, sondern sind als selbst-bewusste Subjekte ebenso von und in den hegemonialen Macht-Mechanismen strukturiert – internalisierten Sexismus, Rassismus und Transfeindlichkeit kritisch zu beleuchten, festzustellen und dagegen anzuarbeiten, ist für uns ebenso wichtig, wie radikale Praxis zu leben. Dabei gilt es auch, sich selbst zurückzunehmen und Kämpfe von Unterdrückten zu unterstützen, ohne sich selbst als elitäre Avantgarde in den Vordergrund zu rücken – Platz zu machen für Menschen, die sonst vielleicht keine öffentlichen Räume zur freien Entfaltung finden können, ist ebenso integral im Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat.

Auf Wikipedia wird „die Antifa“ als „ephemere autonome Strömung“ bezeichnet – da müssen wir die bürgerlichen Kommentator*innen leider enttäuschen. Antifaschist*innen kämpfen seit 100 Jahren und auch wir werden nicht aufhören zu kämpfen, bis die Gesellschaft umgeworfen ist. Erst dann, wenn das richtige, befreite Leben möglich wird, kann neu angefangen werden, denn Antifa kann für uns nur eines heißen: Angriff.